Kleine Schritte in
dünner Luft -


der Schritt in den Weltcup und seine Tücken

ein Kommentar von Taro Netzer

01.03.2010

Es ist schwierig, junge Sportlerinnen und Sportler auszubilden und sie zu Erfolgen zu führen. Es ist schwierig, junge Judoka im internationalen Nachwuchsbereich zu positionieren. Aber nichts ist so schwer, wie der Schritt vom Nachwuchs in die Allgemeine Klasse.

Im Folgenden möchte ich in einem kurzen Kommentar die nicht einfache Situation von jungen Sportlern und deren Trainern skizzieren. Es geht keinesfalls darum, einseitige Kritik zu üben, zu schwierig und komplex ist die Situation für alle beteiligten Verbände und Institutionen.
Vielmehr geht es um eine Zusammenfassung von Rahmenbedingungen, wie sie sich kurz vor Beginn der Olympiaqualifikationsperiode 2012 darstellen. Viel zu leicht wird nach plakativen Ergebnissen gehandelt, zu wenig wird die Leistungsentwicklung analysiert. Nackte Zahlen und Platzierungen sind es, was die öffentlichen Stellen verlangen, aber werden sie den Rahmenbedingungen gerecht?

Das System in Österreich

Auf dem Weg in die Allgemeine Klasse auf internationalem Niveau stoßen junge Sportlerinnen und Sportler schnell an Grenzen, die nur mit viel Mühe überwunden werden können.
Kaum ein Verein in Österreich kann das notwendige Umfeld bieten, um Judoka in dieser Phase qualitativ hochwertig weiterzuentwickeln. Angebotene Maßnahmen in den Leistungszentren federn dies ein bisschen ab, zentrale Randorieinheiten scheitern aber nicht zu selten an persönlichen Eitelkeiten von Funktionären und Trainern.

Mit dem Wechsel von der Schule in das Berufsleben oder in eine höhere Ausbildung kann den jungen Sportlerinnen und Sportlern nur wenig an einem leistungsorientiertem Umfeld geboten werden. Einzig das Österreichische Bundesheer stellt Arbeitsplätze für Sportler zur Verfügung. Die Altersklassenregelung im Judo und der schwierige Schritt in die Allgmeine Klasse mit oft guter Entwicklung aber fehlender zählbarer Ergebnisse führt dazu, dass kaum noch junge Judoka weiterverpflichtet werden. Im Wettstreit mit allen anderen Sportarten um die wenigen Arbeitsplätze, die einen geregelten Leistungssportbetrieb gewährleisten können, ziehen die Judoka immer häufiger den Kürzeren. Die Lobby des ÖJV scheint zu schwächeln, wenn auch der Judosport zu den erfolgreichsten Sommersportarten in Österreich zählt.

Zu alle dem kommt, dass es notwendig ist, junge Sportlerinnen und Sportler auf inzwischen sehr teure Wettkampf- und Trainingsveranstaltungen zu schicken, zumindest wenn man es mit einer positiven Leistungsentwicklung ernst meint. Die eingeführten internationalen Ranglistensysteme zwingen quasi dazu.
Genau in diesem Bereich werden nun aber Budgetposten gekürzt, der Handlungsspielraum der Nationalkader eingeschränkt. An dieser Stelle genehmige ich mir den Luxus, einer rein sportlichen Betrachtungsweise. Das Problem, Geldmittel zu beschaffen ist ebenso wenig leicht wie neu.
Dies führt aber wiederum dazu, dass Landesverbände und Verein ihre Budgets in die U23 und Allgemeine Klasse umschichten und viel Geld für wenige Sportler ausgeben müssen. Dieses fehlt dann beim Nachwuchs. Eine Spirale, die nicht gut enden kann.

Das internationale System

Die Weiterentwicklungen, Neuerungen, Regeländerungen und Änderungen im Wettkampfsystem durch die IJF und EJU kommen inzwischen in einem Tempo, das wohl von kaum mehr jemandem nachzuvollziehen ist. Viel zu rasch folgen Neuerungen auf Neuauslegungen, werden Systeme kurzerhand geändert und neue Wettkampfmodi eingeführt.

Das Ranglistensystem der IJF / EJU ist Grundlage für die Setzlisten bei den Turnieren. Hat man keine oder nur wenige Punkte, trifft man unweigerlich in den ersten beiden Runden auf einen gesetzten Kämpfer. Die Erfolgsaussichten für junge Sportlerinnen und Sportler wurden dadurch nicht besser.

Die Abschaffung der Hoffnungsrunde bzw. die verkürzte Hoffnungsrunde bei Weltcups gibt den jungen Sportlerinnen und Sportlern kaum noch Möglichkeiten, sich Punkte zu erkämpfen. Man trifft auf einen gesetzten Sportler und das war es dann.

Die neue Regelung der Teilnehmerzahlen, wobei bei EM (ab 2011) und WM (ab 2010) nun 2 Teilnehmer je Nation in einer Gewichtsklasse startberechtigt sind, bevorteilt höflich formuliert die wenigen ganz großen Nationen. Für alle kleineren Judoverbände ist dies eine extrem schwierige Entwicklung. Dennoch wehrt sich kein Verband gegen diese zumindest diskussionswürdigen Änderungen.
Bei Weltcupveranstaltungen sind nun 4 Starter pro Verband startberechtigt. Dies führt dazu, dass die Dichte innerhalb der Gewichtsklassenraster enorm steigt. Auch dies nützt den großen Nationen, die kleinen kommen unter die Räder, und hier vor allem die jungen Sportler.

 

Und dennoch...

.... gibt es junge Sportlerinnen und Sportler, die den olympischen Traum im Judo träumen und alles daran setzen, sich diesen auch zu erfüllen.
Gemessen werden sie wie vor einigen Monaten und zahlreichen Änderungen an nackten Platzierungen. Platzierungen, die inzwischen aber ungleich schwerer zu erkämpfen sind als noch vor wenigen Monaten. Geschafft werden kann dies nur mit Hilfe der für den Judosport immer weniger werdenden Plätze beim Bundesheer und sehr individuellen Lösungen.
Mit dieser Individualität versucht man, das fehlende System an Umfeld und Möglichkeiten -verglichen mit großen Judonationen- zu kompensieren, was bis zu einem gewissen Grad auch erstaunlich gut funktioniert.

.... gibt es eine Reihe von Trainern und Funktionären, die sehr viel Arbeit und Energie in diese "Projekte" stecken, eine Reihe, die aber nur bedingt koordiniert arbeitet und in eigenen kleinen Problemen zu ersticken droht. Eine Reihe, die noch nicht groß genug ist.

Die Luft ist extrem dünn, die Schritte werden immer kleiner.

Daher freut man sich in der täglichen Arbeit über einzelne gewonnene Kämpfe oder gute Kampfleistungen, kleine Schritte, die zum Erfolg führen können, geht man sie nur beharrlich genug weiter.


Trotzdem sollte man sich die Frage stellen, ob nicht auch in unserem eigenen, bescheiden Aktionsbereich mit ein bisschen gutem Willen und wenig finanziellem Aufwand deutliche Verbesserungen möglich wären. Schritte in Richtung einer Verbesserung der Rahmenbedingungen, die die Sportler sehr dringend brauchen würden. Man müsste nur öfter den Sportler und den Sport als oberste Priorität festhalten. Aus dieser Perspektive ließen sich wahrscheinlich einige unserer täglichen Probleme leichter lösen.

 

Taro Netzer